* 25 *

Aus dem Tagebuch des Marcellus Pye:
Sonnentag. Tagundnachtgleiche.
Heut ist ein wunderbarer und zugleich schröcklicher Tag gewest.
Gewiss, in meinem Almanach (welcher den letzten Teil meines Buches Ich, Marcellus bilden soll) hab ich voraus gesaget, dass es so kommen würd. Doch hab ich es nicht wirklich geglaubet.
Heut, zur festgesetzten Stund, sieben Minuten nach sieben Uhr in der Früh, ist mein neuer Lehrling durchkommen. Obgleich ich am Morgen beizeiten auf war und mich zur Großen Tür begab, um ihrer Öffnung zu harren, war mein Erstaunen groß, als sie sich auftat und meinen Spiegel enthüllete. Hinter dem Spiegel gewahrte ich undeutlich einen Knaben, mit Furcht in den Augen. Er trug ein seltsam grün Gewand mit silbernem Gurt, aber kein Schuhwerk, und sein Haar war zerzauset. Doch war sein Gesicht so wohlgefällig anzuschauen, dass ich sogleich von ihm eingenommen war. Was mir indes nicht hat gefallen, ja, was mir Furcht und Abscheu hat erreget, dies war der Anblick des Wesens hinter ihm. Alldieweil dieses Wesen, wie mir bald zur Gewissheit wurd, kein anderer war als meine Wenigkeit – von heut gerechnet in fünfhundert Jahren.
Der Knab ist gut durch den Spiegel kommen und jetzo hier in meinem Haus. Ich bet, dass seine Verzweifelung sich legen möcht, wenn er die Wunder sieht, an denen mitzuwirken ihm vergönnet, und all das Gute, das er wird tun.
Wodanstag
Drei Tag ist’s her, dass mein neuer Lehrling ist durchkommen. Er ist ein vielversprechender Bursch, und alldieweil die Planetenkonjunktion, die ich so lang schon herbeisehn, nun näher rücket, schöpf ich wieder Hoffnung für meine neue Tinktur.
Ich bet, dass es so kommen möcht, denn gestern hab ich meinen Lehrling töricht, wie ich bin, gefraget: »Wie war sie, meine Wenigkeit, meine alte sabbernde Hässlichkeit, die dich aus deiner Zeit entführet? Ist sie ... war ich gar so abstoßend?« Mein Lehrling hat genicket, aber nichts gesagt. Ich drängt ihn, es mir zusagen, und als er sah, wie sehr mir daran lag, gab er nach. Ach, hätte er’s nicht getan. Er hat eine seltsam Anzusprechen, doch hab ich ihn, so fürcht ich, nur zu gut verstanden.
Er hat mir einlässlich geschildert, wie unerträglich ich gestunken hätt. Gekrochen wär ich wie ein Krebs und hätt geschrien vor Schmerz bei jedem Schritt und auch mein Schicksal recht verfluchet. Meine Nas sei furchig und runzlig gewest wie Haut vom Elefant (eine mir gänzlich unbekannte Kreatur, aber wahrscheinlich eine ausgemacht hässliche Kröte) und meine Ohren seyn wie große Kohlblätter gewest, fleckig und voller Schnecken. Schnecken – wie ist das möglich? Meine Nägel lang und gelb wie Klauen und schmutzig vom Schmutz von Jahrhunderten. Wo mir schmutzige Fingernägel doch ein Graus sind. So weit kann’s doch gewiss nicht mit mir kommen! Und doch scheint’s wahr zu sein. Fünfhundert Jahr Altersschwäche und Verfall warten meiner. Die Aussicht ist mir unerträglich.
Hernach hab ich eine Aufhellung des Gemüts bei meinem Lehrling bemerket, jedoch eine Verdüsterung des meinigen.
Freyastag. Die Planetenkonjunktion.
Ein Tag der Hoffnung. Septimus und ich haben zur festgesetzten Stund die Tinktur gemischet. Nun soll sie im Schrank in der Kammer gären und Riehen, und es ist an Septimus zu sagen, wann ich den letzten Theil soll beigeben. Nur der siebente Sohn eines siebenten Sohns vermag diesen Augenblick zu bestimmen, das weiß ich nun. Es bekümmert mich, dass ich von der ersten Tinktur getrunken, eh Septimus ist kommen. Mama hat mich gewarnet und mit Recht: »Hast und Hochmut sind noch dein Verderben, Marcellus.« Fürwahr, ich bin zu vorschnell und überheblich gewest, als ich gedacht, ich könnt die Tinktur ohne den Siebenten eines Siebenten vervollkommnen. Ach, es ist wahr, ich bin (wie Mama gleichfalls sagt) nur ein unwissender Tor.
Ich bet, dass die neue Tinktur ihren Zweck erfüllen und mir nicht nur ewiges Leben, sondern auch ewige Jugend schenken möcht. Ich hab Zutrauen zu meinem Lehrling. Er ist ein hochbegabter und verlässlich Bursch und hat eine große Liebe zur Heilkunst, genau wie ich in seinem Alter, obschon ich gewiss nicht so zur Schweigsamkeit und Schwermut hab geneiget.
Tyrstag
Jetzo ist es Monate her, dass wir die neue Tinktur gemischet, und noch immer will Septimus nicht sagen, wann sie fertig ist. Meine Ungeduld wachset und auch meine Angst, es könnt etwas damit geschehen, solang wir warten. Es ist meine letzte Hoffnung. Noch eine vermag ich nicht zu brauen, dieweil eine Konjunktion der sieben Planeten auf Jahrhunderte hinaus nicht mehr kommet, und ich weiß, dass ich in meinem künftigen Zustande keine mehr werd brauen können. Mama lieget mir Tag um Tag wegen ihrer neuen Tinktur in den Ohren. Sie redet mir in alles drein, und ich kann nichts vor ihr verbergen.
Lokistag
Ich schreib diese Zeilen in einer gewissen Erregung, denn heut wollen wir mein kostbar Buch versiegeln, das Ich, Marcellus. Mein junger Lehrling, der jetzo seit einhundertsechsundneunzig Tagen bei uns weilet und treffliche Arbeit hat geleistet, führet die letzten Berichtigungen auf den letzten Seiten durch. Bald muss ich fort zur Großen Kammer, wo alles meiner harret.
Sowie mein großes Werk ist versiegelt, werd ich den Knaben Septimus noch einmal bitten, nach meiner neuen Tinktur zu sehn. Ich bet, dass sie bald fertig seyn möcht, damit ich sie trinken kann. Mama wird ungeduldig, denn sie glaubt, sie sey für sie. Ha! Welch ein Gedanke, ich könnt mir wünschen, das auch Mama ewig lebet! Lieber würd ich sterben. Nur leider ist mir grade das verwehret... Ich armer Tropf.
Ah, die Glock schlägt zehn. Ich darf nicht länger säumen und muss zu meinem Buche eilen.
Septimus schrieb den Brief an Marcia rasch zu Ende, als er Marcellus Pye nahen sah, und steckte ihn in die Tasche. Er hatte die Absicht, ihn heimlich in Ich, Marcellus zu legen, bevor das Buch am Nachmittag um 1.33 Uhr, dem günstigsten Zeitpunkt, versiegelt wurde.
Septimus kannte Marcellus Pyes Buch gut. An den endlosen Tagen, die er inzwischen in der Zeit des Marcellus verbracht hatte, hatte er es viele Male gelesen. Es war in drei Teile gegliedert: Der erste Teil trug den Titel Alchimie und war, soweit es Septimus beurteilen konnte, vollkommen unverständlich – obwohl Marcellus behauptete, er enthalte eine klare und einfache Anleitung zur Herstellung von Gold und den Schlüssel zum ewigen Leben.
Der zweite Teil, die Heilkunst des Physikus, war anders, und Septimus verstand diesen Teil ohne Mühe. Er enthielt komplizierte Rezepte zur Herstellung von Hustensäften, Pillen, Tränken und Arzneien aller Art. Außerdem fanden sich darin gut begründete Erklärungen für die Ursachen vieler Krankheiten und wunderbar detaillierte Zeichnungen vom Bau des menschlichen Körpers, wie sie Septimus noch nie gesehen hatte. Kurzum, es bot alles, was man brauchte, um ein guter Arzt zu werden. Septimus hatte es immer wieder und wieder gelesen, bis er große Teile auswendig konnte. Jetzt wusste er alles über Jod und Chinin, Kreosol und Sublimat, Brechwurz und Flohsamen und viele andere merkwürdig riechende Substanzen. Er konnte Gegengifte und Schmerzmittel herstellen, Betäubungsmittel, Kräutertees, Salben und Elixiere. Marcellus hatte sein Interesse bemerkt und ihm ein eigenes medizinisches Notizbuch geschenkt – eine seltene Kostbarkeit in jener Zeit, denn Papier war sehr teuer.
Der dritte Teil von Ich, Marcellus war der Almanach, ein Tagesführer für die nächsten 1001 Jahre. Dort wollte er seinen Brief verstecken – bei dem Eintrag für den Tag, an dem er verschwunden war.
Septimus war mit der schwarz-roten Tracht des Alchimielehrlings bekleidet. Sie war mit Gold besetzt und an den Ärmeln mit goldenen alchimistischen Symbolen bestickt. Um den Leib trug er einen breiten Ledergürtel mit schwerer goldener Schnalle und an den Füßen statt seiner heißgeliebten braunen Stiefel, die er verloren hatte, seltsam spitze Schuhe, in denen er sich sehr albern vorkam, weil sie so schick waren. Er hatte sogar die Spitzen abgeschnitten, weil er ständig über sie gestolpert war, aber das machte sie nicht unbedingt schöner und bescherte ihm obendrein kalte Zehen. Er saß, in seinen Winterumhang aus Wolle gewickelt, da. In der Großen Kammer der Alchimie und Heilkunst war es heute Morgen kalt, denn der Ofen kühlte ab, nachdem er tagelang in Betrieb gewesen war.
Die Große Kammer war ein großer runder Raum mit gewölbter Decke, der sich direkt unter dem Zentrum der Burg befand. Über der Erde war nichts von ihr zu sehen bis auf den Schornstein, der vom Ofen hinaufführte und Tag und Nacht giftige Dämpfe – und häufig auch recht interessant gefärbten Rauch – ausspie. Die Wände der Kammer säumten dicke Ebenholztische, die so gezimmert waren, dass sie sich deren Krümmung anpassten. Darauf standen, fein säuberlich in Reih und Glied und ordentlich beschriftet, große Flaschen und Glaskolben, die alle möglichen Substanzen und Lebewesen – tote wie lebendige und allerlei Formen dazwischen – enthielten. Obwohl die Kammer tief unter der Erde lag und kein Tageslicht zu ihr hinabdrang, war sie von einem hellen goldenen Leuchten erfüllt. Überall brannten große Kerzen, und ihr Schein spiegelte sich in einem Meer von Gold.
In die Wand neben dem Eingang war der Ofen eingebaut, in dem Marcellus Pye zum ersten Mal in seinem Leben unedles Metall in Gold umgewandelt hatte. Der Anblick, wie stumpfes schwarzes Blei oder graues Quecksilber langsam zu einer leuchtend roten Flüssigkeit schmolzen und dann zu schönem sattgelbem Gold abkühlten, beglückte Marcellus so, dass seitdem kaum ein Tag vergangen war, an dem er – nur so zum Spaß – nicht wenigstens ein paar Unzen Gold gemacht hätte. Als Folge davon hatte Marcellus eine so riesige Menge Gold angehäuft, dass in der Kammer jeder Gegenstand, der sich irgend aus Gold fertigen ließ, auch aus Gold gefertigt war – die Angeln der Schranktüren, die Griffe und Schlüssel der Schubladen, Messer, Gestelle, Kerzenhalter, Türknäufe, Wasserhähne, einfach alles. Aber dies alles war nur Schickschnack und verblasste zur Bedeutungslosigkeit neben den beiden größten Goldbatzen, die Septimus je gesehen hatte und lieber nie zu Gesicht bekommen hätte: die Große Tür der Zeit.
Dies war die Flügeltür, durch die er vor ganz genau einhundertneunundsechzig Tagen gezogen worden war. Sie war in die Wand gegenüber dem Ofen eingelassen und bestand aus zwei massiven Goldplatten, die drei Meter hoch waren. In die Platten waren lange Symbolketten eingraviert, bei denen es sich, wie Marcellus ihm mitgeteilt hatte, um Zeitberechnungen handelte. Die Tür wurde von zwei Standbildern flankiert, die scharfe Schwerter hielten, und sie war fest verschlossen, wie Septimus bald herausgefunden hatte. Und nur Marcellus hatte einen Schlüssel.
Heute Morgen saß Septimus mit dem Rücken zu der verhassten Tür auf seinem gewohnten Platz, dem Rosensitz, neben dem Kopfende eines langen Tisches, der in der Mitte des Raumes stand und von Kerzen hell erleuchtet wurde. Vor ihm lag ein ordentlicher Stapel Papier. Er war das Ergebnis der Arbeit, die er am frühen Morgen vollbracht und die darin bestanden hatte, Marcellus Pyes astrologische Berechnungen ein letztes Mal gewissenhaft zu überprüfen und seinem großen Werk, wie er es nannte, den letzten Schliff zu geben.
Am anderen Ende des Tisches saßen sieben Schreiber, denn Marcellus Pye hatte es mit der Zahl sieben. Normalerweise hatten die Schreiber wenig zu tun, starrten den lieben langen Tag nur Löcher in die Luft, bohrten in der Nase oder summten merkwürdige unmelodische Lieder. Septimus fühlte sich immer schrecklich einsam, wenn er diese Lieder hörte, denn ihre Töne waren merkwürdig gereiht und klangen ganz anders als alles, was er kannte. Heute freilich waren alle sieben Schreiber vollauf beschäftigt. Wie wild schrieben sie in ihrer allerschönsten Handschrift die letzten sieben Seiten des großen Werkes ins Reine, damit der Termin eingehalten werden konnte. Von Zeit zu Zeit unterdrückte einer ein Gähnen. Wie Septimus waren sie seit sechs Uhr in der Frühe fleißig bei der Arbeit. Und jetzt war es zehn Uhr, wie Marcellus jedem ins Gedächtnis rief, als er in die Kammer trat.
Marcellus Pye war ein gut aussehender, etwas eitler junger Mann mit dichten schwarzen Locken, die ihm, nach der neuesten Mode, tief in die Stirn fielen. Er trug das lange schwarz-rote Gewand eines Alchimisten, das mit beträchtlich mehr Gold überzogen war als die Tracht des Lehrlings. Heute Morgen haftete sogar Goldstaub an seinen Fingern. Lächelnd sah er sich in der Kammer um. Sein großes Werk – das Buch Ich, Marcellus, das den Menschen ohne jeden Zweifel auf Jahrhunderte hinaus als Ratgeber dienen und seinen Namen unsterblich machen würde – stand kurz vor der Vollendung.
»Buchbinder!« Marcellus schnippte ungeduldig mit den Fingern und sah sich im Raum nach dem fehlenden Handwerker um. »Heraus mit der Sprache, ihr Tölpel und Einfaltspinsel, wo habt den Buchbinder ihr verstecket?«
»Ich hab mich nicht verstecket, Eure Exzellenz«, flötete eine Stimme hinter Marcellus. »Hier bin ich jedenfalls. Wiewohl ich seit vier Stunden oder länger schon auf diesen kalten Steinen steh. Fürwahr, ich war schon vorher hier und bin es noch.«
Mehrere Schreiber verkniffen sich das Lachen, und Marcellus wirbelte herum und funkelte den buckligen älteren Mann, der neben einer kleinen Buchbinderpresse stand, zornig an. »Verschonet mich mit Eurem Geplapper«, rief er, »und schafft die Presse nun zum Tisch!«
Septimus sah, dass der Mann die Presse alleine nicht hochheben konnte, und so rutschte er von seinem Stuhl und eilte ihm zu Hilfe. Gemeinsam wuchteten sie die Presse etwas unsanft auf den Tisch. Tinte spritzte aus den Tintenfässern, und Federkiele fielen zu Boden.
»So gebt doch acht!«, rief Marcellus, als dunkelblaue Spritzer auf die letzten Seiten seines Werkes klatschten. Er hob das Blatt hoch, dass der Schreiber soeben vollendet hatte. »Nun ist’s besudelt«, seufzte er. »Doch ach, die Zeit ist gegen uns. Es muss gebunden werden, wie es ist. Da hat man’s wieder: Strebet der Mensch nach Vollkommenheit, bleibet er stets zurück ein Stück. So ist der Lauf der Welt. Doch ein paar Tintenkleckse vermögen mich nicht von meinem Ziel abzubringen. Wohlan, Septimus, walte deines Amtes.«
Septimus legte ein dickes Bündel Pergament vor sich hin, und dann tat er genau, was ihm Marcellus Pye am frühen Morgen gezeigt hatte. Er nahm die ersten acht Bogen, faltete sie zusammen und reichte sie dem nächsten Schreiber. Der griff zu einer großen Nadel, in die bereits ein dicker Leinenfaden eingefädelt war, und nähte, die Zunge konzentriert zwischen die Zähne geklemmt, die Bogen im Knick zusammen. Anschließend gab er sie Septimus zurück, und der brachte die zusammengenähten Bogen dem Buchbinder. So ging es den ganzen restlichen Morgen weiter. Alle sieben Schreiber nähten und fluchten leise vor sich hin, wenn sie sich mit der Nadel in die Finger stachen oder wenn der Bindfaden riss. Septimus lief hurtig von einem Schreiber zum anderen, denn Marcellus Pye legte großen Wert darauf, dass er die Papierbogen persönlich anfasste. Er glaubte nämlich, dass die Berührung durch den siebten Sohn eines siebten Sohns Unsterblichkeit verleihen konnte, selbst Büchern.
So arbeiteten sie sich durch den Almanach, und je näher die Seite mit dem Datum seiner Gefangennahme rückte, desto nervöser wurde Septimus, auch wenn er versuchte, es zu verbergen. Er wollte Marcia unbedingt eine Nachricht hinterlegen und versuchen, mit seiner eigenen Zeit in Kontakt zu treten. Er hatte sich damit abgefunden, dass Marcia ihm wahrscheinlich nicht helfen konnte, denn wenn sie in der Lage wäre, ihn aus dieser anderen Zeit zurückzuholen, hätte sie es doch schon längst getan und er wäre nach über fünf Monaten nicht immer noch hier ... oder? Aber einerlei, was Marcia konnte und was nicht, er wollte sie wissen lassen, was geschehen war.
Da bemerkte er, dass der nächste Bogen die Seite mit dem Tag war. Mit zitternden Händen steckte er ihn zwischen acht andere Bogen – was eine kleine Unregelmäßigkeit darstellte, aber nicht zu ändern war – und reichte den Stapel dem nächsten freien Schreiber zum Zusammennähen. Sowie der Schreiber fertig war, nahm er ihm die geknickten Bogen wieder ab und schob heimlich seinen Brief dazwischen. Erblickte schuldbewusst in die Runde, aus Furcht, alle Augen könnten auf ihn gerichtet sein. Aber das Zusammensetzen des Buches ging ungestört weiter. Der Buchbinder nahm ihm mit gelangweilter Miene die Bogen ab und legte sie auf seinen Stapel. Niemand hatte etwas bemerkt.
Zitternd nahm Septimus wieder Platz und warf prompt ein Tintenfass um.
Marcellus runzelte die Stirn und schnippte einem Schreiber mit den Fingern zu. »Lauft, holt einen Lappen. Ich möcht nicht, dass dies Werk zu spät wird fertig.«
Um 13.21 Uhr hatte der Buchbinder das Buch Ich, Marcellus fertig gebunden. Er überreichte es Marcellus Pye, begleitet von leisen, anerkennenden Pfiffen der Schreiber, denn es war ein schönes Buch geworden. Es war in weiches Leder gebunden, und der Titel war mit Blattgold belegt und von verschiedenen alchimistischen Symbolen umrankt, die Septimus mittlerweile kannte, obwohl es ihm lieber gewesen wäre, er hätte sie nie kennengelernt. Der Buchbinder hatte den Buchschnitt mit Marcellus Pyes ganz speziellem Blattgold vergoldet und das Buch auf ein dickes rotes Seidenband gelegt.
Um 13.25 Uhr erhitzte Marcellus in einem kleinen Kupfertopf Siegelwachs über einer Kerze.
Um 13.31 Uhr hielt Septimus das Buch, während Marcellus Pye schwarzes Siegelwachs über die beiden Enden des roten Bandes goss, um sie miteinander zu verbinden.
Um 13.33 Uhr drückte Marcellus Pye seinen Siegelring in das Siegelwachs. Das Buch Ich, Marcellus war versiegelt, und alle Anwesenden atmeten erleichtert auf.
»Das große Werk ist vollbracht«, sagte Marcellus, ehrfurchtsvoll das Buch in den Händen haltend und sichtlich um Worte ringend.
»Mir knurret der Magen«, störte die mürrische Stimme des Buchbinders Marcellus Pye in seinen Träumen von Größe. »Wir haben die Stund des Brotbrechens schon weit überschritten. Dahero will ich nicht länger säumen und wünsche einen guten Tag, Eure Exzellenz.« Der Buchbinder verbeugte sich und verließ die Kammer. Die Schreiber tauschten Blicke. Auch ihre leeren Mägen regten sich, aber sie trauten sich nicht, etwas zu sagen. Sie warteten, während der Letzte Alchimist, Träumen von Größe nachhängend, sein Großes Werk wie ein neugeborenes Kind in den Armen wiegte und bestaunte.
Doch allen Hoffnungen Marcellus Pyes zum Trotz sollte nie wieder ein Mensch sein Buch in Händen halten. Nach der Großen Alchimie-Katastrophe wurde es weggeschlossen und nie wieder hervorgeholt – bis zu jenem Tag, an dem der Lehrling der Außergewöhnlichen Zauberin seiner Zeit entrissen wurde und Marcia Overstrand das Siegel erbrach.